Der Baumgeist - Eine Geschichte aus dem Buch DIE MAGIE DER GESCHICHTEN

In uralten Bäumen lebten uralte Seelen, überhaupt war jeder Baum beseelt Chrissy wusste das: Alles was lebt hat auch eine Seele. Das war etwas, das einem in der Schule nicht beigebracht wurde, wohl aber in Büchern über Schamanismus und alte Indianerkulturen.
https://buchshop.bod.de/die-magie-der-geschichten-christine-erdic-978369...
Chrissy las alles, was ihr in die Quere kam, sogar die Konsalik-Bücher, die beim Vater im Regal standen. Ihre Favoriten waren derzeit allerdings die Winnetou-Bücher. Das neunjährige Mädchen war mit ihrer Familie inzwischen in die Stadt gezogen, weil sich hier bessere Arbeitsmöglichkeiten boten. Die Kinder waren im Lehrstoff allerdings schon viel weiter als die in der kleinen Dorfschule, und Chrissy hatte einiges aufzuholen.
Der Umzug in die Stadt machte ihr eigentlich nicht viel aus, denn gegenüber der vierstöckigen Mietshäuser gab es einen Park mit viel Grün und mehreren Spielplätzen sowie eine Rollschuhbahn. Alles wurde mit Freuden genutzt. Das schönste aber waren die vielen Bäume rings herum. Sie eigneten sich hervorragend zum Klettern, und mit der selbstgebastelten Zwille konnte man wunderbar von einem starken Ast aus auf verschiedene Dinge da unten zielen, wobei man lebendige Wesen selbstverständlich besser ausnahm.
Wenn Chrissy Sorgen oder Probleme hatte, lehnte sie sich an ihren Lieblingsbaum, dem sie alles anvertrauen konnte, und fühlte sich hinterher viel beschwingter und leichter. Es war dem Kind, als würde der dicke Baumstamm alles Negative einfach in sich aufnehmen und weiterleiten, direkt ins Erdreich - und genauso ist es ja auch.
„Lass das! Wenn du einem Baum einen Zweig abbrichst oder seine Rinde verletzt, ist das für ihn so, als würde man dir einen Finger abhacken oder in deine Haut schneiden“, erklärte Chrissy ihrem Freund Peter, der gerade seinen Namen mit einem Taschenmesser in den Baum einritzen wollte.
„Ach Quatsch!“
„Doch wirklich, Bäume und Pflanzen fühlen auch Schmerzen.“
„Erzähl mir davon!“
Das Mädchen zog die Stirn kraus und dachte nach.
„Also gut! Pflanzen haben ein feines Nervensystem. Sie spüren nicht nur Schmerzen sondern reagieren auch auf Musik. Sie mögen zum Beispiel klassische Musik wie die von Mozart und blühen dabei richtig auf. Bei Rockmusik fühlen sie sich nicht wohl und gehen manchmal sogar ein. Wusstest du das?“ Peter schüttelte den Kopf. „In jedem Baum wohnt außerdem ein Baumgeist. Der wacht über den Baum. Wenn böse Jungen wie du ihn mit einem Messer ritzen wollen, dann warnt der Geist den Baum.“
„Woher weiß der denn, dass ich ein Messer habe? Er hat doch keine Augen!“, lachte der Junge. „Du erzählst Mumpitz!“
„Der Baum hat keine Augen, aber der Geist, der ihn bewohnt, sieht, was du tust. Und ein Baum warnt den nächsten bei Gefahr. Ihre Wurzeln sind nämlich miteinander verbunden und geben weiter, wenn sie etwas Schlimmes erlebt haben.“
Die Augen des Spielkameraden wurden immer größer.
„Ja wirklich. Ich erzähle dir jetzt mal die Geschichte vom bösen Klaus. Der unartige Junge brach mit Freude die jungen Triebe der Bäume im Frühling ab und riss Pflanzen und Blumen aus der Erde. Einfach nur so. Die merken doch eh nichts, dachte er und lachte boshaft. Als er wieder einmal ein Blumenbeet mutwillig zerstörte, hörte er plötzlich ein Summen, das immer lauter wurde. Als er aufsah, war es schon zu spät. Ein Schwarm Wespen kam direkt auf ihn zu. Er wurde fürchterlich zerstochen, und je mehr er um sich schlug, desto doller stachen die Insekten zu. Als er weglaufen wollte, hielten ihn die Bäume zurück, die er so gequält hatte. Sie schoben sich ganz eng zusammen und bildeten mit den Büschen zusammen eine dichte Mauer. „Bitte lasst mich durch, mir ist schwindelig - und es geht mir nicht gut!“, klagte Klaus.
Da machte der Baumgeist ein finsteres Gesicht. „Uns geht es auch nicht gut, aber unser Leben ist dir egal. Du zerstörst weiter, nur weil es dir Spaß macht! Warum soll es uns interessieren, wie es dir geht?“
Man fand den Jungen erst Stunden später. Die Wespen hatten ganze Arbeit geleistet. Er war verquollen und ohnmächtig und musste mit dem Krankenwagen schnell ins Krankenhaus, denn er hatte jede Menge Gift im Körper. Als er endlich geheilt war, hat er nie wieder Blumen ausgerissen, und um Bäume macht er noch heute einen großen Bogen.“
Peter schüttelte den Kopf. „Das ist ja eine fürchterliche Geschichte. Aber die hast du dir doch bloß ausgedacht. Damit jagst du mir keinen Schrecken ein!“
„Wie du meinst. Peter, ich gehe jetzt nach Hause, es zieht ein Sturm auf.“ Das Mädchen hob witternd den Kopf.
Peter zuckte mit den Schultern: „Dann geh doch, du Zimperliese.“
Trotzig blieb er unter den Bäumen sitzen. Huuu, schon bald wurde es kalt und windig. Vielleicht sollte er doch besser gehen. Der Himmel hatte sich in kurzer Zeit verdunkelt.
Unsicher erhob er sich, doch schon peitschten Wind und Regen über die Wiese. Im Schutz des alten Baumes war er wohl erstmal sicher. Aber was war das?! Der Baum streckte seine Arme nach ihm aus! Eine knorrige Astgabel schien nach seinem Haar zu greifen. Verärgert wollte er sich losreißen, da vernahm er grollendes Gelächter. Die Büsche packten ihn an der Jacke und hielten ihn fest, während der Baum ihn unbarmherzig attackierte und mit seinen Zweigen peitschte. Panik stieg in ihm auf.
Ein verzweifelter Sprung in den Sturzregen auf den glitschigen Rasen. Er rutschte aus. Raaatsch! Ein Teil des Jackenstoffs blieb im Buschwerk hängen. Na, das würde Zoff geben zu Hause! Die Jacke war neu. Zum Glück hatte er es nur mit Regen und keinem Wespenschwarm zu tun. Eine Stelle am Kopf brannte höllisch, da hatte ihn wohl der Ast ganz schön erwischt. Er tastete nach der Wunde und sah, wie das Blut an seiner Hand vom Regen weggespült wurde. „Blöder Baum“, schimpfte er. „Blöde Geschichte! Blöde Christine!“
„Blöder Peter“, wisperten die Bäume und Büsche an denen er vorbeihastete. „Ihr habt ja Recht, ich habe angefangen“, sagte er zerknirscht. „Langsam glaube ich die Geschichte doch. Morgen biete ich dem alten Baum Waffenstillstand an. Es ist besser, in Frieden mit der Natur zu leben als im Krieg. Und jetzt mache ich, dass ich nach Hause komme!“
©byChristine Erdic
Wichtiger Hinweis: Bücher, die bei Amazon derzeit nicht verfügbar sind, mit Versandgebühr oder zu überteuertem Preis von Zwischenhändlern angeboten werden finden Sie oftmals versandkostenfrei bei BoD, buch24.de, Thalia, Weltbild, bücher.de und anderen Anbietern. Es kostet nichts, außer ein wenig Zeit, sich zu informieren.
Firmeninformation
Die deutsche Buchautorin Christine Erdic lebt zur Zeit hauptsächlich in der Türkei.
Beruflich unterrichtet sie in der Türkei Deutsch für Schüler (Nachhilfe), sie gab
Sprachtraining an der Uni und machte Übersetzungen für türkische Zeitungen.
Mehr Infos unter Meine Bücher- und Koboldecke
https://christineerdic.jimdofree.com/
https://literatur-reisetipps.blogspot.com/