Dorfleben – eine Leseprobe
Verfasser: Christine Erdic on Friday, 20 March 2026Dorfleben
In unserem Dorf in Niedersachsen bewohnten wir zunächst eine winzige Mietwohnung, die mein Vater gleich nach der Gefangenschaft beim Engländer schon als Junggeselle bezogen hatte. Dementsprechend war es dort natürlich auch sehr beengt. Ich war Dank des Lärms der Nachbarn den Erzählungen nach ein äußerst nervöses Kleinkind und robbte auf Knien so lange im Bett umher, bis dasselbe schließlich ganz woanders stand. Türenknallen ist ein Geräusch, das mich noch heute an die Decke fahren lässt. Da mein Vater morgens früh um 4 Uhr aufstehen und in die Stadt zur Arbeit fahren musste, brachte mir der Krach schon in meinem ersten Lebensjahr, laut meiner Mutter, regelmäßige Schimpfe und Prügel ein, denn mein Vater war dann den ganzen Tag unausgeruht.
Die Situation wurde erst besser, als wir in eine etwas größere Wohnung zogen, in der ich ein eigenes Zimmer bekam. Im unteren Stockwerk befanden sich Küche und Bad, im ersten Stock ging man erst durch die Stube, dann durch das elterliche Schlafzimmer in mein Gemach.
Ich verfüge über ein beinahe fotografisches Gedächtnis, was Räumlichkeiten angeht. So versetzte ich meine Mutter einmal in Erstaunen, als ich ihr die Wohnung unserer Verwandten in der ehemaligen DDR detailgetreu beschrieb, obwohl ich nur einmal zu Besuch dort war - und zwar im Alter von zweieinhalb Jahren. Wir besaßen zudem keinerlei Fotos dieser Räumlichkeiten, da die Familie kurz darauf umzog.